Die Geschichte der Theodor-Heuss-Schule
Offenbach, „die“ Industriestadt innerhalb des Großherzogtum Hessen Darmstadt, erlebte zwischen 1800 und 1900 einen starken Aufschwung. Sogar ohne Eingemeindungen verzehnfachte sich die Einwohnerzahl von 5.000 auf 50.000, wobei der größte Anstieg seit der Reichsgründung des Jahres 1871 zu verzeichnen war. Die steigende Zahl an Industriebetrieben, welche ihrerseits stark wuchsen, benötigte neben den Mitarbeitenden in der Produktion auch eine wachsende Zahl an qualifiziertem Personal in den Verwaltungen der Unternehmen. Im Jahr 1882 reagierte die großherzogliche Handwerkskammer auf diesen steigenden Bedarf und plante Gründung einer Schule für kaumännische Auszubildende.
Am 13. Juni 1884 war es dann soweit: in zwei Räumen des „Altgräfinnenhaus“ in der Glockengasse 56 fand der erste Unterricht der „Fortbildungsschule der Handeskammer zu Offenbach“ statt. Der zweistündige Unterricht begann in der wärmeren Jahreszeit um 6 Uhr und in der kälteren Jahreszeit erst ab 20 Uhr. Dazu kam für der Lehrlinge der vierstündige Samstagsunterricht, welcher ihnen das Erscheinen im Betrieb ersparte.
Bereits nach zwei Jahren wurden die Räumlicheiten zu klein, so dass der Unterricht zunächst in den 1. Stock des Hauses Glockengasse 45 erweitert wurde. Es folgte in kurzen Abständen eine Verlegung der Schule in die (schon marode) Alte Lateinschule in der Herrnstraße sowie eine nochmalige Erweiterung in das (ebenfalls marode) Städtische Pfandleihhaus in der Schulgasse. 1906 war der Zustand an allen Orten nicht mehr erträglich, so dass für ein Jahr die neu errichtete Mathildenschule Asyl gewährte.
Endlich entstand im Jahr 1907 von Seiten der Handelskammer ein eigenes Schulgebäude, im Hof deren Hauptverwaltung in der Kaiserstraße 28. Für fast drei Jahrzehnte blieb ab jetzt der Standort unverändert. Die Schülerzahl war seit der Gründung bis zum Beginn des 1. Weltkrieg von 56 auf 331 gestiegen, seit 1909 wurden auch weibliche Auszubildende unterrichtet.
Hatte die Stadt zu dieser Zeit bereits durch Mietnachlässe indirekte Zuschüsse für die Schule bereitgestellt, so stieg sie wegen chronischer Unterfinanzierung im Jahr 1902 in die direkte Finanzierung des Schulbetriebs ein; zu wichtig waren gute qualifizierte Kaufleute für den wachsenden Industriestandort. Im Jahr 1907 bekam die Fortbildungsschule nun endlich ein eigens für sie errichtetes Schulgebäude im Hinterhof der Handelskammer in der Kaiserstraße 28. Die Zustände in der baufälligen Lateinschule hatten eine Sanierung nicht mehr zugelassen.
Die politischen Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg hinterließen tiefe Spuren in der Schule: 1920 wurde sie auf Basis des neuen Hessischen Schulgesetzes in die Trägerschaft der Stadt überführt, in der sie sich noch heute befindet. Neben der Einsetzung eines ersten hauptamtlichen Schulleiters war die 1922 neu gegründete Höhere Handelsschule eine der ersten Reformmaßnahme unter städtischer Leitung, dieser Schulzweig wurde im Schuljahr 2016/17 letztmalig unterrichtet.
Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung im Jahr 1933 wurde der langjährige Schulleiter Dr. Gebhardt zwangspensioniert und durch einen „Parteisoldaten“ ersetzt; gleichfalls wurden die Unterrichtsmaterialien im Sinne der neuen Machthaber überprüft und gleichgeschaltet. Zum gleichen Zeitpunkt erfolgte ein weiterer Umzug, da sich abermals das Schulgebäude als zu klein, so dass nun das ehemalige Stadtkrankenhaus in der Hospitalstraße (heute: Staatsanwaltschaft) umgenutzt wurde.

Dieses Provisorium hielt für fünf Jahre, als durch Umgestaltung der Offenbacher Schullandschaft im Jahr 1938 das Gebäude des ehemaligen Mädchenrealgymnasiums im Stadthof frei wurde und angemessene Räumlichkeiten zur Verfügung stellte. Diese, eigentlich auf Dauer angelegte Lösung, ging in dem großen Luftangriff vom 18. März 1944 zusammen mit großen Teilen der Offenbacher Innenstadt unter. Der Schulbetrieb wurde im Luftschutzbunker Jahnstraße in Bürgel notdürftig aufrecht erhalten.
Ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges war die öffentliche Ordnung unter der Aufsicht der amerikanischen Besatzungsmacht wieder soweit hergestellt, dass die Schulen wieder eröffnet werden könnten. Von den Lehrern der Kaufmännischen Fortbildungsschule war über die Hälfte mit einem Berufsverbot belegt, aber im Jahr 1946 konnte in den beiden Obergeschossen der heutigen Albert-Schweitzer-Schule wieder unterrichtet werden. Während der Wintermonate waren die Schüler aufgefordert, Brennmaterial zum Beheizen der Klassenräume mitzubringen.

Weder die Frage der Heizung noch der Standort konnten eine dauerhafte Lösung sein, so dass Mitte der 50er Jahre ein vorletzter großer Umzug in die Geleitsstraße 18 erfolgte: für fast zwei Jahrzehnte bot die heutige Erich-Kästner-Schule eine weitgehend angemessene Unterkunft. Dort fanden auch Veränderungen im Schulalltag statt, die bis heute stark wirken:
1961 Die Schule erhält das Recht, den Realschulabschluss zu vergeben
1966 Umbenennung in „Theodor-Heuss-Schule“ nach dem ersten Bundespräsidenten, der im Gründungsjahr der Schule geboren wurde
1968 Gründung des Beruflichen Gymnasiums (ein prominenter Absolvent: Gerhard Grandke, ehem. Oberbürgermeister der Stadt Offenbach)
Ende der 60er Jahre stellte sich das genutzte Gebäude erneut als zu klein heraus, so dass die Stadt Offenbach einen Neubau in Aussicht stellte. Die Bauarbeiten begannen im Jahr 1971, bis 1973 zog die gesamte Schule an den heutigen Standort an der Buchhügelallee 86.

Dort entstanden weitere spezialisierte Schulformen:
1984 Höhere Berufsfachschule für Fremdsprachensekretariat
1990 Höhere Berufsfachschule für Informationsverarbeitung
1996 Einjährige Fachoberschule Wirtschaft
2008 Fachoberschule Gesundheit sowie Berufliches Gymnasium, Fachrichtung Gesundheit
2019 Berufliches Gymnasium, Fachrichtung Erziehung
Darüber hinaus nimmt die THS seit 2017an einem Schulversuch „Berufsfachschule zum Übergang in Ausbildung“ (BÜA) teil, in den Zweijährige Berufsfachschule, die Höhere Handelsschule sowie die weitere berufsvorbereitende Schulformen eingemündet sind.
Besonders erwähnenswert im aktuellen Schulleben: Der im Jahr 1999 als „e.V.“ gegründete Kiosk „Tasty Theo“ ist schon lange nicht mehr aus dem Schulalltag wegzudenken, und hat sich inzwischen mit seinem Bio-Laden-Angebot zu einem wichtigen Treffpunkt für Lehrende und Lernende entwickelt.
Schließlich: mit den Sanierungs- und Erweiterungsmaßnahmen nach dem Jahr 2011 besitzt die Schule nun endlich – zusammen mit der Käthe-Kollwitz-Schule (KKS) – eine eigene Dreifeldturnhalle. Nach Abschluss der Sanierung der KKS stehen endlich wieder zeitgemäße Naturwissenschaftsräume zur Verfügung, und die Raumnot für die mehr als 2.000 Schülerinnen und Schüler sowie ca. 135 Lehrkräfte hat nahezu ein Ende.








