Wie Aquaponik die Themen Nachhaltigkeit, Selbstwirksamkeit und internationales Lernen verbindetLeuchtturmprojekt der hessischen Entwicklungszusammenarbeit

Leuchtturmprojekt der hessischen Entwicklungszusammenarbeit
Wer die Mediathek unserer Schule in Offenbach betritt, entdeckt zunächst eine ungewöhnliche Szenerie: Wasser plätschert, Fische schwimmen in großen Becken, marokkanische Minze wächst zwischen verschiedenen Pflanzen und Schülerinnen und Schüler sitzen zwischen den Anlagen. Schnell wird klar: Hier geht es nicht um einen klassischen Unterrichtsraum.
Wenn Kreislaufwirtschaft konkret wird
Im Mittelpunkt stehen sogenannte Aquaponik-Systeme. Sie verbinden Fischzucht und Pflanzenanbau zu einem weitgehend geschlossenen Kreislauf. Das Wasser aus den Fischbecken wird zu den Pflanzen geleitet. Bakterien wandeln dabei die Ausscheidungen der Fische in Nährstoffe um, die von den Pflanzen aufgenommen werden. Das gereinigte Wasser fließt anschließend zurück zu den Fischen. Was zunächst technisch klingt, wird vor Ort unmittelbar sichtbar: Stoffe werden nicht einfach zu Abfall, sondern dienen an anderer Stelle wieder als Ressource. Damit wird ein Begriff wie Kreislaufwirtschaft plötzlich konkret. Der Kreislauf lässt sich noch erweitern. Pflanzenreste können beispielsweise von Mehlwürmern verwertet werden, die wiederum als Futter dienen. Andere organische Reststoffe können erneut zur Produktion von Lebensmitteln eingesetzt werden. Schülerinnen und Schüler erleben auf diese Weise, dass nachhaltiges Wirtschaften nicht nur eine theoretische Forderung ist, sondern aus vielen miteinander verbundenen Lösungen bestehen kann.
Verstehen, experimentieren, gestalten und Lösungen weiterentwickeln
Genau darin liegt eine besondere pädagogische Stärke des Projekts. Im Unterricht begegnen Jugendlichen globalen Herausforderungen häufig in Form von Krisen, Konflikten und Katastrophen. Hier erleben sie dagegen, dass sie selbst verstehen, experimentieren, gestalten und Lösungen weiterentwickeln können. „Endlich kann man selbst etwas tun“, beschreibt eine Schülerin des beruflichen Gymnasiums ihre Erfahrung mit dem Projekt. Diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit ist kein zufälliger Nebeneffekt, sondern ein wichtiger Teil des Bildungsansatzes der Schule. Schülerinnen und Schüler sollen nicht nur wissen, vor welchen Herausforderungen unsere Gesellschaft steht. Sie sollen erfahren, dass sie Möglichkeiten haben, ihre Umwelt mitzugestalten.
Dass der Blick dabei weit über Offenbach hinausgeht, zeigen mehrere internationale Projekte. In Ruanda wurden deutlich größere Aquaponik-Anlagen aufgebaut. Eine Anlage in Muhanga umfasst rund 75.000 Liter, eine weitere in Kigali etwa 60.000 Liter. Dabei geht es unter anderem um nachhaltige Lebensmittelproduktion und Ernährungssicherung. Das Projekt in Muhanga wurde als Leuchtturmprojekt der hessischen Entwicklungszusammenarbeit ausgezeichnet.
Schülerinnen und Schüler sollen zu Entwicklern werden
Für unsere Schülerinnen und Schüler sind solche Projekte zugleich eine Gelegenheit zum internationalen Lernen. Sie treten mit Partnerinnen und Partnern vor Ort in Kontakt, kommunizieren ergebnisorientiert – häufig auf Englisch – und erhalten Einblicke in andere Lebensbedingungen und Perspektiven. Auch mit Partnerschulen in weiteren Ländern werden Ansätze weiterentwickelt. In Ägypten wurde beispielsweise erprobt, wie Lebensmittelproduktion unter den besonderen Bedingungen einer Wüstenregion funktionieren kann. Gemeinsam mit vietnamesischen Partnern entstand zudem eine weiterentwickelte Anlage, die Ansätze zur Wiederaufforstung von Mangroven mit nachhaltiger Garnelenzucht verbindet. Internationale Zusammenarbeit soll dabei künftig noch stärker mit den bestehenden Schulpartnerschaften und dem Erasmus+-Programm unserer Schule verzahnt werden. Ziel ist es, ein Netzwerk aufzubauen, in dem Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte gemeinsam an Fragen der Nachhaltigkeit arbeiten, Ideen austauschen und bestehende Prototypen weiterentwickeln. Dabei geht es ausdrücklich nicht nur darum, fertige Lösungen zu präsentieren. Schülerinnen und Schüler sollen selbst zu Entwicklerinnen und Entwicklern werden.
Präsentation von BÜA-Schülern zum „Hessischen Tag der Nachhaltigkeit“
Ein aktuelles Beispiel dafür entsteht gemeinsam mit einer unserer BÜA-Klasse: Die Jugendlichen arbeiten daran, die Inhalte rund um Aquaponik, Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft in Form eines Spiels aufzubereiten. Damit werden bewusst auch Lerngruppen aus der Berufsfachschule in die Weiterentwicklung des Projekts einbezogen. Aus einem bestehenden System entsteht so neues Lernmaterial – entwickelt mit Schülerinnen und Schülern und für Schülerinnen und Schüler. Zudem werden Schüler ausgebildet, den Ansatz zu präsentieren, beispielsweise am „Hessischen Tag der Nachhaltigkeit“.
Auch digitale Erweiterungen sind denkbar: Sensorik, automatisierte Steuerung oder künftig möglicherweise KI-gestützte Systeme könnten helfen, Wasserwerte, Pflanzenwachstum oder Energieverbrauch zu analysieren und die Anlagen weiter zu optimieren. Die Mediathek unserer Schule wird damit zu mehr als einem Showroom für Aquaponik. Sie ist ein Lern- und Entwicklungsraum, in dem Naturwissenschaften, Technik, Nachhaltigkeit, internationale Zusammenarbeit und soziales Lernen zusammenkommen. Vielleicht liegt genau darin eine zentrale Aufgabe von Schule in Zeiten großer globaler Herausforderungen: Probleme nicht kleiner zu machen, als sie sind – aber jungen Menschen gleichzeitig zu zeigen, dass Zukunft gestaltbar ist.